Die
Seitenwind-Landetechnik(en)
Zu den anspruchsvollsten Manövern
eines Fluges gehört ein Anflug,
bzw. eine Landung bei
starkem Seitenwind.
Weht der Wind dazu noch
böig, oder kommen Verwirbelungen durch
unvorteilhafte
Geländestrukturen hinzu, stößt man hierbei schnell an
die Limits von Pilot
und/oder Flugzeug.
Ein jeder Pilot sollte (muß)
die Seitenwindlandung beherrschen, da
vor dem Start nie 100%
vorhergesagt werden kann, ob bei einer
Landung mit Seitenwind
gerechnet werden muß.
Wechselnde
Wetterverhältnisse oder ein herannahendes Gewitter sind
hier nur 2 Beispiele, welche
für unliebsame Überraschungen und Blut-
hochdruck beim Piloten
sorgen können.
Es erfordert einiges an
Trainingsaufwand, bis dieses Manöver sicher
beherrscht wird. Leider
kommt es vor, daß während einer gesamten
Pilotenausbildung keine realen
Bedingungen zum trainieren gegeben
sind, so daß die richtigen
Ruderausschläge nur im "Trockentraining"
gezeigt und nicht real geübt
werden können.
Aber irgendwann werden Sie
mit Seitenwind konfrontiert, das ist so
gut wie sicher!
Wie geht’s?
Es gibt im Grunde 2
Möglichkeiten, Seitenwind auszusteuern bzw. die
Anfluggrundlinie sauber zu
halten:
Das von ungeübten Piloten
bevorzugt angewandte Verfahren ist die
sog. crab-Methode. Das
Flugzeug zeigt während des gesamten Anflugs
mit der Nase in den Wind und
muß dann kurz vor dem aufsetzen auf die
Landebahnachse ausgerichtet
werden, um nicht schiebend aufzusetzen.
Doch genau diese Drehung um
die Hochachse, welche zwangsläufig mit
dem Seitenruder erfolgen
muß, birgt vielerlei versteckte Gefahren!
Im "günstigsten"
Fall werden Sie "nur" im Flair von der Landebahn gebla-
sen und müssen deshalb
durchstarten.
Wenn Sie Pech haben, wie der
Hamburger "Held", der fast einen Airbus
auf der Landebahn 23
zerbröselte, reißt Ihnen dabei die Strömung am
leeseitigen Tragflügel ab!
Link zum Video: http://www.liveleak.com/view?i=ddb_1204404185
Warum?
Durch den plötzlichen
starken Seitenruderausschlag wird der leeseitige
Flügel schlagartig
verlangsamt, der luvseitige hingegen gleichzeitig be-
schleunigt, was eine starke
Schräglage des Flugzeugs hervorruft.
Der nun erforderliche
Querruderausschlag zum aufrichten der Maschine
bremst den Flügel durch das
nach unten ausgeschlagene Querruder noch
zusätzlich ab, der Strömungsabriß
am (dem Wind abgewandten) Flügel ist
somit fast unvermeidlich, da
dies alles kurz vor dem aufsetzen im
Langsamflugzustand geschieht!
Genau dies ist in Hamburg
vermutlich geschehen, betrachtet man das
Amateurvideo
aufmerksam. Die eingeleitete Flugunfalluntersuchung
wird die
gravierenden Fehler sehr bald aufdecken.
(Einmal abgesehen davon, daß
die Landebahn 33 viel günstiger zur
Windrichtung gewesen wäre...)
Zwischenzeitlich
wurde auch bekannt, daß die Copilotin den Airbus im
Anflug bis
zum Durchstartvorgang „steuerte“. Ganz offensichtlich war die
junge Dame
mit dem herrschenden Seitenwind mehr als überfordert.
(Soll kein
Vorwurf sein, aller Anfang ist halt schwer...)
Die
Verantwortung lag jedoch beim Capitän, der früher hätte eingreifen
müssen!
Diese Landetechnik ist bei
sehr geringen Seitenwindkomponenten gerade
noch praktikabel, bei
Starkwind jedoch (s.h. oben) extrem gefährlich!
Das bei Starkwind geeignetere
Verfahren ist die sog. Low Wing-Methode.
Hierbei ist die
Flugzeuglängsachse während des gesamten Anflugs bereits
auf die Landebahnachse
ausgerichtet.
Ein Ausrichten kurz vor dem aufsetzen
ist deshalb nicht mehr erforderlich.
Jedoch erfordert der gesamte
Anflug ständig koordinierte Ruderaus-
schläge über alle 3 Achsen
und ist deshalb erst nach einiger Übung sicher
beherrschbar.
Der Anflug erfolgt
zwangsweise mit gekreuzten Rudern. Eine konstante
Querneigung zur Windseite
hin wird ein abdriften wirkungsvoll verhindern,
durch ständiges Gegenseitenruder wird die
Flugzeuglängsachse auf die
Landebahnachse
"gezwungen" und dort gehalten.
Dieser Zustand ist bis zum
aufsetzen beizubehalten, welches dann zwangs-
weise auf dem
windzugewandten Hauptfahrwerk zuerst erfolgen wird.
Der durch die ständig weit
ausgeschlagenen Ruder erhöhte Widerstand
wird durch entsprechend mehr
Motorleistung ausgeglichen.
Eine leicht erhöhte
Anfluggeschwindigkeit bringt ggf. mehr Ruderwirkung.
Geübte Piloten im Umgang mit
Seitenwind werden damit Landungen
bis zur max. zulässigen
Seitenwindkomponente erfolgreich zu Ende bringen.
Doch auch dieses Verfahren
hat seine Grenzen. Wenn etwa 50% des max.
möglichen Querruderausschlags
zum halten dieses stabilen Zustands
"verbraucht"
werden, wird der restliche Ruderweg ggf. zum aussteuern von
etwaigen Böen gebraucht und
gerade noch ausreichen.
Bis zum maximalen Schräglaufwinkel
der Reifen könnte nun noch eine Kombina-
tion aus beiden Verfahren
angewandt werden, da bei Tiefdeckern auch die Bo-
denfreihheit der Tragfläche
als begrenzender Faktor wirken kann.
Die im Flughandbuch, sowie
auf dem Instrumentenbrett angegebene max. Seiten-
windkomponente darf jedoch
unter keinen Umständen überschritten werden!
Diese von Testpiloten mit
tausenden Stunden Erfahrung erflogenen Limits im
Rahmen der Zulassung, sind
absolut verbindlich.
Die Physik ist durch nichts
und niemanden auszuhebeln.
Fliegen Sie deshalb einen
Flugplatz mit einer günstiger zur Windrichtung gelege-
nen Bahn an, wenn Sie beim
Anflug merken, daß Sie an Ihr eigenes oder das
Limit Ihrer Maschine stoßen,
oder auch nur geringe Zweifel an einer erfolgreichen
Landung haben!
Barni